{"id":282,"date":"2024-02-05T11:39:04","date_gmt":"2024-02-05T11:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kerstinglathe.de\/?page_id=282"},"modified":"2024-02-05T12:09:03","modified_gmt":"2024-02-05T12:09:03","slug":"nordstrasse-16","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kerstinglathe.de\/?page_id=282","title":{"rendered":"Nordstra\u00dfe 16"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 27. Januar 2014 wurde am Haus Nordstra\u00dfe 16 eine Erinnerungstafel f\u00fcr den vertriebenen j\u00fcdischen Arzt Julius B\u00f6heimer und seine Familie angebracht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-293\" srcset=\"https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-300x200.jpg 300w, https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-768x513.jpg 768w, https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-1536x1026.jpg 1536w, https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_0100-2048x1368.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sich in ein \u00fcber hundert Jahre altes Haus zu verlieben, es zu kaufen und zu bewohnen, hei\u00dft nicht nur, die architektonischen Vorz\u00fcge der Gr\u00fcnderzeit, wie hohe R\u00e4ume, knarzende Holzdielen und Stuck verzierte Fassaden zu sch\u00e4tzen. Es bedeutet auch, neugierig zu sein auf die Menschen, die hier einmal gelebt haben, wissen zu wollen, ob sie gl\u00fccklich oder traurig hier waren. Ein altes Haus macht Geschichte lebendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Also erkundigten wir uns nach den Vorbesitzern, sammelten Geschichten von Zeitzeugen und erfuhren von dem konkreten Erleben einer Familie, zu einer Zeit, die den meisten von uns nur abstrakt aus dem Geschichtsunterricht bekannt ist. Einer Familie, die hier gl\u00fccklich war, deren zwei S\u00f6hne hier ihre Kindheit verbrachten, deren Vater Jude war. 1938 verlie\u00dfen sie das Haus. Warum? Unsere Recherchen f\u00fchrten uns zuerst an die Wittener Lokalliteratur und damit schnurstracks ins Stadtarchiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vertiefung in die Akten, die Bilder, die fachkundige Betreuung durch die Mitarbeiter des Stadtarchivs entf\u00e4cherten das Leben angesehener Wittener vor uns, und auch das abrupte Ende dieser scheinbaren Idylle.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages bekamen wir \u00fcberraschenden Besuch. Der j\u00fcngere Sohn der j\u00fcdischen Arztfamilie klingelte bei uns. Er ist alt und wollte das Haus seiner Kindheit noch einmal sehen, bevor er sterben w\u00fcrde. Wir wurden uns schlagartig bewusst, dass hier, wo wir uns so wohl f\u00fchlen, einmal eine Kindheit und eine Familie zerrissen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In Absprache mit dem Stadtarchiv und mit dem dankbaren Einverst\u00e4ndnis des letzten noch lebenden Familienmitglieds der in der Nazizeit vertriebenen Familie wollten wir diesen Baustein der Wittener Geschichte sichtbar machen. Wir m\u00f6chten den am Haus vorbei gehenden Menschen einen Gedanken mitgeben, eine Erinnerung aufrechterhalten, die uns f\u00fcr die Zukunft lernen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Hendrik und Kerstin Glathe<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"595\" height=\"859\" src=\"https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bauzeichnung_Nordstrasse16.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-295\" srcset=\"https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bauzeichnung_Nordstrasse16.png 595w, https:\/\/kerstinglathe.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Bauzeichnung_Nordstrasse16-208x300.png 208w\" sizes=\"(max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>1895 \u2013 1914<\/strong><br>Am 25. M\u00e4rz 1895 reichte der Finanz-Stadtinspektor Johann Kaulart, zugereist aus Bochum, einen Bauantrag f\u00fcr das Haus Nordstra\u00dfe 16 ein. Das Objekt lag in dem gerade neu entstehenden Hohenzollernviertel in Witten. In der Baubeschreibung hei\u00dft es:<br>\u201eZum Bau eines Wohngeb\u00e4udes f\u00fcr Herrn Steuerinspektor Kaulart zu Witten. Das projektierte Geb\u00e4ude wird in den Umfassungs- und balkentragenden W\u00e4nden wie Treppenhausw\u00e4nden massiv in Ziegel- bzw. Eisenfachwerksw\u00e4nden ausgef\u00fchrt. Die Schornsteinrohre werden in den Grenzmauern so angelegt, dass sie dem Nachbarn zugekehrten Schornsteinwandungen 26cm stark werden. Die Mansardenfl\u00e4chen werden mit Schiefer, die Plattform mit Holzcement eingesetzt. Die Balkenlagen erhalten Zwischendecken, Bretter mit Lehm u. Bohlenaschenschicht \u00fcbertragen. Die Abortgrube wird durch ein in der Mauer eingelegtes Ventilationsrohr, welches \u00fcber den Dachfirst aufgef\u00fchrt wird, entl\u00fcftet.<br>\u2013 verantwortliche Bauunternehmer waren L\u00fcnenburger und Franzen, die auch die H\u00e4user Nordstra\u00dfe 23 und 25 erbauten. Zu Friedrich L\u00fcnenburger mehr s.u. \u2013<br><br>Im Jahr 1914 wird die Nordstra\u00dfe an die Kanalisation angeschlossen. In diesem Zeitraum ist nur noch von der Witwe Kaulart die Rede.<br>Die Aktenrecherche im Stadtarchiv ergibt im Zusamenhang mit der Vermietung des Ergdgeschosses der Nordstra\u00dfe 16 als Vertragspartnerin Anna Kaulart (*22.2.1873 in Aachen, + 28.2.1965 Witten). Sie war die Ehefrau von Joahnn Kaulart, dem Erbauer des Hauses (die Meldekarte von Johann Kaulart ist zur Zeit nicht auffindbar. Eine zuk\u00fcnftige Digitalisierung der Meldekarten l\u00e4sst hoffen, dass sie wieder auftaucht.)\u2028&nbsp;Anna Kaulart war nach Auskunft der Meldekarte Caritas Sekret\u00e4rin und ist 1894 im Alter von 21 Jahren nach Witten zugezogen aus Bochum.\u2028Nachdem sie 1911 den Mietvertrag mit der Stadt Witten abgeschlossen hatte, meldete sie sich 1912 ab nach England. Im M\u00e4rz 1914 bis April 1914 war sie kurzzeitig wieder gemeldet in der Roonstra\u00dfe 14, der sp\u00e4teren Uthmannstra\u00dfe. Aus der Meldekarte geht hervor, dass sie zu diesem Zeitpunkt aus Frankreich zuzog.\u2028Im April 1914 meldete sie sich wieder ab nach Paris.\u2028&nbsp;Vom 8.3.1915 bis zum 20.3.1915 war sie kurzzeitig wieder in der Nordstra\u00dfe 16 gemeldet und meldete sich dann ab nach Hamburg.\u2028&nbsp;Vom 26.6.1916 bis zum Juli 1918 war sie wieder in der Nordstra\u00dfe 16 gemeldet und meldete sich dann im Juli 1918 ab nach Eicherscheidt, Kreis Montjoie. Montjoie ist die franz\u00f6sische Bezeichnung des Kreises Monschau. Da Monschau an der Grenze zu Belgien in der Eifel am Rande des Hohen Venn liegt, ist zu vermuten, dass der Aufenthalt von Anna Kaulart in Eicherscheid von Jul bis September 1918 im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg und ihrer T\u00e4tigkeit als Caritas Sekret\u00e4rin stand, genauso wie die vielen anderen Auslandsaufenthalte in der Zeit von 1914 bis 1918.<\/p>\n\n\n\n<p>1.7.1911 Anna Kaulart schlie\u00dft einen Mietvertrag f\u00fcr das EG Nordstra\u00dfe 16 zur Unterbringung eines Teils des Stadtbauamtes.\u2028Mietpreis 520 Mark\/Jahr, Teilung der Gaskosten. Der Mietvertrag hat eine Laufzeit von 2 Jahren.\u2028&nbsp;Unterschrieben von Oberb\u00fcrgermeister Dr. Haarmann, B\u00fcrgermeister Pfeiffer, Stadtbaumeister Baur (der Name Baur kommt beim Bau des Hauses Nordstr. 18 wieder vor)&nbsp;\u2028In der Stadtverordnetenversammlung sind Namen wie Franzen und Hanff vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reinigung der vom Stadtbauamt angemieteten R\u00e4ume \u00fcbernimmt \u201cFrau Ernst Engelbrecht\u201d (ihr Vorname war Elfriede, aber in der Zeit war die Namensnennung \u00fcber den Vornamen des Ehemannes \u00fcblich) f\u00fcr 10 Mark\/Monat. Daf\u00fcr wird ihrem Mann und ihr erlaubt bei der Schwiegermutter im Haus Nordstra\u00dfe 19 so lange zu wohnen, wie diese das w\u00fcnscht. Putzmaterial wird von der Stadt gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst und Elfriede Engelbrecht hatten drei Kinder. Sie sind 1908 in die Nordstra\u00dfe 19 zugezogen und 1909 nach einem Aufenthalt in D\u00fcsseldorf wieder nach Witten zur\u00fcckgekommen, bevor sie sich 1913 nach Langendreer abmeldeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vormieter im EG des Hauses Nordstra\u00dfe 16 war der Ev. Presseverband f\u00fcr Westfalen und f\u00fcr das F\u00fcrstentum Lippe.\u2028&nbsp;Umgezogen in die R\u00f6hrchenstr. 10. K\u00fcndigung zum 1.4. 1911. Dann verl\u00e4ngert bis 1.9. 1911, weil der Mieter in der R\u00f6hrchenstra\u00dfe keine Nachfolgewohnung gefunden hat.\u2028&nbsp;Die R\u00e4ume i.d. Nordstra\u00dfe 16 waren zum 17.8.1911 ger\u00e4umt. Die Telefonnummer wurde vom Stadtbauamt \u00fcbernommen No. 957,&nbsp;\u2028dazu ein Rest von Kohlen, der sich f\u00fcr die \u00d6fen des Stadtbauamtes eignet.&nbsp;\u2028In den R\u00e4umen werden die Architekten Urban (hinten) und Russo (vorne) untergebracht, sowie ein Aktenraum und ein Vorraum mit zwei Schreibtischen.<\/p>\n\n\n\n<p>26.8.1911 Beantragung eines Abwasserflusses.\u2028Anna Kaulart war von Okt. 1911 bis Mitte Februar 1912 nicht in Witten anwesend, weswegen sie die Zahlung der Abwasserkosten in H\u00f6he von 18,02 Mark bittet, die Stadt zu \u00fcbernehmen.\u2028&nbsp;Der Wasserverbrauch von August 1911 bis Jan. 1912 war 14,40 Mark. Der Gasverbrauch von Sept. 1911 bis Jan 1912 betrug 20,62 Mark.<br>Am 20.9.1912 reklamiert Anna Kaulart handschriftlich bei der Stadt Witten, dass bei der Anbringung einer Gaslampe ein Ziegel besch\u00e4digt wurde.\u2028&nbsp;Die Reparatur \u00fcbernimmt Wilhelm Schroeder, Witten und stellt eine Rechnung f\u00fcr Maler und Anstreicher in H\u00f6he von 45,53 Mark<br>7.10.1912 Antrag von Architekt Urban auf die Anbringung einer Klingel.<br>11.2.1913 Erstmalige Nennung des Mieters Kaufmann G. Boecker im Obergeschoss, der einen Gasverbrauch in H\u00f6he von 4,84 Mark hatte.<br>18.9.1913 Antrag der Putzfrau Saletzkie, die seit einem Jahr das EG der Nordstr. 16 putzt, wegen zus. Reinigung der \u00d6fen auf Erh\u00f6hung des Lohnes.&nbsp;\u2028Es wird eine Erh\u00f6hung genehmigt von 10 Mark\/Monat auf 12,50\/Monat ab 1.10.1913<br>25.2.1913 Frau Kaulart bittet um die Erh\u00f6hung der Miete f\u00fcr die B\u00fcror\u00e4ume.<br>14.1.1914 Der Mieter Gregor Boecker will nach Angaben von Anna Kaulart die R\u00e4ume im EG mieten. Deswegen fragt Anna Kaulart bei der Stadt Witten an, ob diese den Mietvertrag verl\u00e4ngern will.<br>Gregor Boecker (+25.10.1883 Mettingen, M\u00fcnsterland, + 13.10.1948, Witten) zog 1910 aus Gelsenkirchen nach Witten in die Bahnhofstra\u00dfe 19. Vom 9.12.1912 bis zum 7.7.1916 war er in der Nordstra\u00dfe 16 gemeldet, wonach er wieder in die Bahnhofstra\u00dfe 19 verzog. Seine Ehefrau war Emilie Boecker. Gregor Boecker war Inhaber des Bekleidungsgesch\u00e4fts Boecker in der Bahnhofstra\u00dfe und da er und seine Frau keine Kinder hatten, vermachten sie ihr Verm\u00f6gen an die Boecker Stiftung, die heute einige Altenpflegeheime in Witten betreibt.<br>28.1.1914 einer Mieterh\u00f6hung auf 550 Mark\/Jahr wird vom Magistrat der Stadt Witten statt gegeben.<br><strong>1915 \u2013 1945<\/strong><br>Eine Akte zur Verlegung des Kanalb\u00fcros zum K\u00f6nigsplatz 10 wird angelegt mit Angaben zu gesch\u00e4tzten Kosten.<br>8.6.1915 Anna Kaulart fragt an, ob sie die Aktenschr\u00e4nke \u00fcbernehmen kann.<br>11.6.1915 Beschluss des Magistrats der Stadt Witten, die R\u00e4ume f\u00fcr weitere 3 Jahre zu mieten<br>17.10.1915 Anna Kaulart beschwert sich \u00fcber abgelagerten M\u00fcll im Keller.<br>5.12.1917 In einem Schreiben erw\u00e4hnt Anna Kaulart zum ersten Mal \u201e\u201c\u2026meinen Mann\u2026\u201c<br>24.1.1917 Am K\u00f6nigsplatz 10 ist die vom Kriegsamt neu errichtete \u201eF\u00fcrsorgestelle f\u00fcr Kriegshinterbliebene\u201c eingerichtet worden.<br>1921 kaufte der aus Attendorn zugereiste Kinderarzt Dr. Julius B\u00f6heimer das\u2028&nbsp;Haus in der Nordstra\u00dfe 16, nachdem er vorher in der Breddestra\u00dfe 27 kurz&nbsp;\u2028praktiziert hatte. Julius B\u00f6heimer heiratet 1921 Charlotte Nieme, eine\u2028&nbsp;ev. Christin, aus Elberfeld. Die beiden S\u00f6hne aus dieser Ehe, Wolfgang\u2028(*12.1.1923) und Klaus (*13.11.1925) wurden im christlichen Glauben erzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Reichspogromnacht versteckte sich Julius B\u00f6heimer mit seiner Familie\u2028&nbsp;vor den t\u00e4tlichen Angriffen bei ihrem Nachbarn Dr. Wittkopp, der die Familie\u2028&nbsp;zu sch\u00fctzen bereit war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm (+16.11.1867, Zahnarzt) und Maria Wittkopp waren aus Lippstadt nach Witten zugereist. Am 16.5.1939 meldeten sie sich ab nach Bad Godesberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus wies nach der Pogromnach erhebliche Sch\u00e4den auf. Wegen eines abgeschlagenen Wasserkrans und Wasserschaden wurde der \u2013 als Judenklempner bekannte \u2013 Klempner Rau gerufen, der aber die Reparaturarbeiten nicht durchf\u00fchren konnte, da er vor dem Haus von Schl\u00e4gern der SS verpr\u00fcgelt wurde.<br>Unter dem Druck der Nationalsozialisten und der\u2028&nbsp;wachsenden feindlichen Umwelt \u2013 den Kindern wurde der Schulbesuch verweigert und auch die NSDAP Kreisleitung befand sich direkt im&nbsp;\u2028Haus gegen\u00fcber, dort wo heute der Spielplatz vom Haus der Jugend ist \u2013 zog&nbsp;\u2028Julius B\u00f6heimer mit seiner Familie nach K\u00f6ln Riehl. Das Haus Nordstra\u00dfe 16\u2028&nbsp;verkaufte er an den Augenarzt Dr. Erich Stoewer.<\/p>\n\n\n\n<p>Erich Stoewer war der Neffe von Prof. Paul Stoewer sen. (+15.10.1864), der mit seiner Frau Elisabeth das Haus Nordstra\u00dfe 14 besa\u00df und dort ebenfalls eine Augenarztpraxis betrieb. Nachdem Paul Stoewer 1939 seine Praxis aus Altersgr\u00fcnden aufgeben musste, zog sein Neffe Erich Stoewer aus Berlin nach Witten, um die Praxis- und Wohnr\u00e4ume zu mieten.<br>1930 meldeten sich Paul (sen.) und Elisabeth Stoewer ab nach Bad Godesberg. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die direkten Nachbarn Dr. Wittkopp 1939 ebenfalls nach Bad Godesberg verzogen, nachdem sie ihren Nachbarn B\u00f6heimer in der Verfolgung Zuflucht geboten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus Nordstra\u00dfe 16 ging dann von den vertriebenen B\u00f6heimers an den Sohn des nach Bad Godesberg verzogenen Dr. Erich Stoewer. Erst 1949 ist Erich Stoewer laut Meldekarte in der Nordstra\u00dfe 16 gemeldet gewesen. Es ist zu vermuten, dass die Besitzverh\u00e4ltnisse bis zu diesem Zeitpunkt unklar waren.<br>In K\u00f6ln war es B\u00f6heimer zun\u00e4chst noch erlaubt, als \u201cKrankenbehandler f\u00fcr Juden und Zigeuner\u201d zu praktizieren. Von Freunden gewarnt, konnte er sich&nbsp;\u2028einer Verhaftung durch die Gestapo entziehen, indem er sich bei Bekannten in verschiedenen kleineren Orten in der Umgebung von K\u00f6ln versteckte. Nach dem&nbsp;\u2028Krieg war er bis zu seinem Tod 1958 als praktischer Arzt t\u00e4tig.\u2028&nbsp;Ein Entsch\u00e4digungsverfahren im Jahr 1956 entschied, dass Julius B\u00f6heimer f\u00fcr sein Haus in der Nordstra\u00dfe 4000 Mark Entsch\u00e4digung erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00e4ltere Sohn Wolfgang zog 1938 mit seinen Eltern nach K\u00f6ln. Als nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 der Familie die Lebensmittelkarten&nbsp;\u2028entzogen wurden, musste sich Wolfgang bei der Gestapo melden. Er wurde zum Arbeitseinsatz f\u00fcr die Kl\u00f6ckner-Werke AG2 in Hagen Haspe heran gezogen.&nbsp;\u2028Anfang Februar 1945 wurde er nach Kassel in ein Au\u00dfenkommando von Buchenwald gebracht und dort zwei Monate sp\u00e4ter befreit. Wolfgang wurde Ingenieur und\u2028&nbsp;lebte bis zu seinem Tod 1998 in Essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus B\u00f6heimer, der j\u00fcngere Sohn, wuchs gemeinsam mit seinem Bruder in der christlich-j\u00fcdischen Familie auf, gepr\u00e4gt durch die humanistische und patriotische Einstellung\u2028des Vaters, der als assimiliert geltender j\u00fcdischer Mediziner gleichwohl aktiv in der Wittener Synagogengemeinde t\u00e4tig war. Zun\u00e4chst besuchte Klaus\u2028&nbsp;die Breddeschule, seit 1936 das Realgymnasium. Er war Mitglied der evangelischen Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Flucht der Familie nach K\u00f6ln gelangte Klaus 14-j\u00e4hrig mit einem der von ausl\u00e4ndischer Hilfe organisierten Kindertransporte in ein Heim in\u2028&nbsp;Riversmead, Yorkshire, England. In diesem Heim der \u201cNationalen Kinder- und Waisenheimat\u201d, einer Organisation der Methodistischen Kirche, wurden&nbsp;\u2028christlich getaufte Kinder j\u00fcdischer Familien aus Deutschland und \u00d6sterreich aufgenommen. Hier sollten sie f\u00fcr die Einwanderung nach Australien in\u2028&nbsp;landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen ausgebildet werden. Klaus absolvierte jedoch mit der Hilfe und finanziellen Unterst\u00fctzung von Freunden\u2028&nbsp;der Familie ein Medizinstudium am St. Georges Hospital der London University, an der er 1949 promovierte. Klaus B\u00f6heimer diente zun\u00e4chst im&nbsp;\u2028\u201cRoyal Army Medical Corps\u201d in Japan und Korea und war danach im Range eines Oberleutnants bei der Landesverteidigung in England bis 1957 stationiert.\u2028&nbsp;Von 1958 bis 1965 war er als medizinischer Direktor in der Pharmaindustrie t\u00e4tig. Danach hat er sich als Facharzt f\u00fcr Allgemeinmedizin in London nieder\u2028gelassen. Er ist verheiratet und hat 5 Kinder.<br>Charlotte B\u00f6heimer lebte bis zu ihrem Tod 1986 in K\u00f6ln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus Nordstra\u00dfe 16 wurde bei einem der letzten Bombenangriffe im Dezember 1944 von einer Brandbombe getroffen und brannte vollst\u00e4ndig aus. Die Familie Stoewer war evakuiert in Altena, wo Erich Stoewer als Oberstabsarzt ein Lazarett betreute. Die nach dem Bombenangriff noch brauchbaren M\u00f6bel, darunter ein Fl\u00fcgel, der aus dem 1. Obergeschoss bis ins Erdgeschoss durchgefallen, aber heil geblieben war, wurden von Nachbarn auf die Stra\u00dfe gestellt, von wo sie Erich Stoewer nach Altena brachte.<br><strong>1945 \u2013 2013<\/strong><br>Am 2. Oktober 1945 stellte der Augenarzt Dr. Erich Stoewer einen Bauantrag f\u00fcr das Einziehen einer Decke f\u00fcr das Erdgeschoss. Die tragenden St\u00fctzen sollten Eisenbahnschienen sein, die er von L\u00fcnenburger und Franzen bekommen konnte. Da er als Arzt f\u00fcr die ans\u00e4ssigen Bergleute benannt war, wurde ihm das Bauvorhaben genehmigt, damit er seine Praxis weiter f\u00fchren konnte. Bis dahin hatte Stoewer au\u00dferhalb gewohnt und seine Praxis behelfsm\u00e4\u00dfig im Hause von Dr. Gr\u00fcn in der Schillerstra\u00dfe 21, und kurze Zeit im Keller des ehemaligen Arbeitsamtes in der Breddestra\u00dfe gef\u00fchrt, w\u00e4hrend er ein Zimmer angemietet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vollst\u00e4ndige\u2028&nbsp;Wiederherstellung des Geb\u00e4udes erfolgte in den folgenden Jahren. Nachdem Dr. Erich Stoewer 1962 in den Ruhestand gegangen war und nach Stauffen i.Br. verzog, wurden die Praxisr\u00e4ume an den Augenarzt Fritz Gorban, den Schwiegersohn von Dr. Stoewer, bis ca. 1980 vermietet.<\/p>\n\n\n\n<p>1989 verkaufte Klaus Stoewer, der Sohn von Erich, das Haus Nordstra\u00dfe 16 an den Chirurgen Dr. Karl Lerch, der mit seiner Frau und zwei T\u00f6chtern das Haus bis 2007 bewohnte und\u2028dann nach Attendorn zog. Die Praxisr\u00e4ume wurden bis 2012 von einer Zahn\u00e4rztin genutzt.<br>2008 ging das Haus in den Besitz von Kerstin und Hendrik Glathe \u00fcber, die mit ihren Kindern hier wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<br>\u2013 Recherche Stadtarchiv, Akten, Meldekarten<br>\u2013 Zeitzeugenberichte von Anne Stoewer, Ehefrau von Klaus Stoewer, und Klaus B\u00f6heimer<br>\u2013 Zeitzeugenbericht von Fritz Rau, Installateur und Klempnermeister<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Januar 2014 wurde am Haus Nordstra\u00dfe 16 eine Erinnerungstafel f\u00fcr den vertriebenen j\u00fcdischen Arzt Julius B\u00f6heimer und seine Familie angebracht. 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