{"id":195,"date":"2018-11-13T16:50:57","date_gmt":"2018-11-13T16:50:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kerstinglathe.de\/?p=195"},"modified":"2018-11-14T16:26:39","modified_gmt":"2018-11-14T16:26:39","slug":"auszug-aus-mondlandung-2-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kerstinglathe.de\/?p=195","title":{"rendered":"Auszug aus Mondlandung 2.15"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Sommer der Fl\u00fcchtlinge<\/strong><\/p>\n<p>Die B\u00fcrgermeisterin bekam den Anruf der Bezirksregierung um 10 Uhr 58. In ihrem B\u00fcro in K\u00f6ln las Anne den Post auf facebook. Um acht Uhr Abends waren drei Busse mit einhundertf\u00fcnfzig Fl\u00fcchtlingen in Witten angekommen. Das DRK hatte in Windeseile eine Turnhalle hergerichtet.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag rief Annes Freundin an. Sie wolle einige von den neu angekommenen G\u00e4sten durch die Stadt f\u00fchren und sie mit zum Museumsfest nehmen. Anne sagte zu. In der Halle lief alles ganz gut. Schnell war eine Essensausgabe in der kleinen Gymnastikhalle eingerichtet worden, davor stand das sogenannte K\u00fcchenzelt. In der gro\u00dfen Halle waren Doppelstockbetten mit wei\u00dfen Stellw\u00e4nden voneinander getrennt. Das Wetter war hervorragend und auf dem Platz vor der Halle war ein unglaubliches Gewimmel von Menschen. Hektik war aber nicht zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Martha und Anne gingen in das provisorisch eingerichtete B\u00fcro des DRK und meldeten sich an mit der Bitte, ob sie fragen d\u00fcrften, wer mitkommen m\u00f6chte und bekamen die Erlaubnis in die Halle zu gehen. Schon zwei Tage sp\u00e4ter w\u00e4re das nicht mehr m\u00f6glich gewesen, denn immer mehr B\u00fcrger der Stadt kamen zur Halle und wollten nicht nur mithelfen, sondern auch neugierig in alle Ecken schauen. Deswegen wurde den Fl\u00fcchtlingen schon bald die dringend notwendige Privatsph\u00e4re zugestanden und niemand durfte in die Halle, der dort nicht schlief oder putzte.<\/p>\n<p>Aber in diesen allerersten Tagen war noch alles ganz offen und zug\u00e4nglich. Etwas sch\u00fcchtern standen sie in der Halle zwischen Betten, Babys, M\u00fcttern und kleinen Haufen mit Habseligkeiten. Martha sprach eine Frau an, ob sie Englisch konnte. Gleich ein Treffer. Nina kam aus Albanien und fand die Idee super. Schnell organisierte sie ihre beiden kleinen Kinder weg, wahrscheinlich passte ein Freundin auf sie auf, und zog sich ein sch\u00f6nes Kleid an. In der Halle selbst liefen alle nur im Jogginganzug herum aber Nina wusste offensichtlich was Stil ist. Schnell sprach sich die Nachricht jetzt herum und als Martha und Anne loszogen, kamen fast drei\u00dfig der neu angekommenen Bewohner des Camps mit ihnen mit. Anne kam sich vor, wie bei einer Schulklasse. Martha ging vorne, sie hinten. Als sie schon ein ganzes St\u00fcck die Stra\u00dfe hinunter waren, kamen immer noch einige Nachz\u00fcgler dazu. Alle waren sehr gut gelaunt und viele sprachen Englisch.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Rathaus, der ersten zentralen Station, kam Anne schon mit einigen ins Gespr\u00e4ch. Besonders die jungen M\u00e4nner aus Syrien plauderten freundlich mit ihr und hatten schnell ganz viele Fragen. Warum sind bei euch so wenige Menschen auf der Stra\u00dfe? Das wusste sie jetzt auch nicht so schnell. Nat\u00fcrlich wusste sie, dass das Get\u00fcmmel in Damaskus oder Alleppo sicherlich eine ganz andere Dimension hatte als hier, aber dass es wirklich so wenige Fu\u00dfg\u00e4nger gab, war ihr auch noch nie so aufgefallen. Sie \u00fcberlegte kurz und stellte dann fest, dass auch sie selbst fast alle Wege mit dem Auto erledigte, dann direkt bis vor die T\u00fcr fuhr und nur wenige Meter zu Fu\u00df ging. Nur in K\u00f6ln und Berlin ging auch sie zu Fu\u00df, aber nur, weil der Verkehr dort so chaotisch war. Und genau dort waren ja auch viel mehr Menschen auf den Beinen. Gerade lernte sie, dass Deutsche in den normalen Zentren offensichtlich einen Verw\u00f6hnschaden hatten und deswegen alles mit dem Auto erledigten.<\/p>\n<p>Besonders lustig fand Anne die Frage nach dem Kunstwerk am Brunnen. Es war ein ganz normaler Mann. Eine ortsans\u00e4ssige K\u00fcnstlerin stellte die kleinen, dicken B\u00fcrger in Lebensgr\u00f6\u00dfe und bunter Kleidung her und verteilte sie in der Stadt. Jetzt wollten die Syrer wissen, wen diese Statue denn darstelle, und als Anne ihnen erkl\u00e4rte, dass diese Frau nur symbolisch f\u00fcr alle B\u00fcrger der Stadt dort stehe und keine Ber\u00fchmtheit sei, war das Unverst\u00e4ndnis gro\u00df. Ihr stellt normale B\u00fcrger in der Stadt aus? Ja, warum nicht? Die Jungs waren irritiert, vor allem, weil auch der Sacktr\u00e4ger auf dem Platz nur ein Symbol f\u00fcr den arbeitenden Menschen sein sollte. Nirgendwo in der Stadt gab es einen Politiker auf Sockeln oder \u00e4hnliches. Nat\u00fcrlich, in Wuppertal gab es Engels und in K\u00f6ln einige Bisch\u00f6fe. Aber die Kunst des Allt\u00e4glichen \u00fcberwog doch auch hier. Mit diesem Blick auf ihre kleine Stadt mit der mittelm\u00e4\u00dfigen Kunst, erkannte sie in diesem Moment, dass auch Kunst ein Zeichen von Demokratie sein kann, was die Syrer aus ihrem Land nicht kannten. Kaum war sie eine Stunde mit ihnen unterwegs, hatte sie schon eine neue Erkenntnis gewonnen.<\/p>\n<p>Bei sch\u00f6nstem Sommerwetter zogen sie mit ihrer kleinen Truppe durch die Stadt bis zum Museum. Martha hatte dort Bescheid gesagt und es standen kostenlose Getr\u00e4nke f\u00fcr die G\u00e4ste zu Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Im Museum hatte sich die Kulturszene der Stadt versammelt. Gediegene B\u00fcrger in feiner Kleidung und respektierlicher Haltung am Orangensaftglas. Einige blickten erstaunt, als die f\u00fcr diesen Anlass etwas ungewohnt erscheinende Gruppe ins Museum eintrat und sich \u00fcber die Wassergl\u00e4ser hermachte. Der Weg hatte etwa eine halbe Stunde gedauert und alle hatten Durst. Aber sowie sie die Gl\u00e4ser ansetzten, verzogen sie das Gesicht und stellten sie zur\u00fcck auf den Tisch. Anne fragte und fand heraus, dass sie alle keine Kohlens\u00e4ure mochten und das Wasser sauer fanden. Also stellte sich Anne in dem Trubel an die Theke und bestellte ein Tablett mit Leitungswasser. Das war schon viel besser.<\/p>\n<p>Eine der Frauen, sie kam offensichtlich aus Albanien, hatte sich auf dem Weg sehr schwer getan und war viel zu langsam gegangen, hatte sich oft auf kleine M\u00e4uerchen gesetzt und ausgeruht. Anne dachte, dass es an ihren Flip Flops lag, in denen sie wohl nicht so gut laufen konnte. Aber der Ehemann kramte seine vereinzelten englischen Worte aus und erkl\u00e4rte, dass seine Frau schwanger sei und es ihr schlecht ginge. Es war unm\u00f6glich dass sie den ganzen Weg zur\u00fcck ging. Martha schnappte sich den Praktikanten des Museums und bat ihn, die Familie zur\u00fcck zur Turnhalle zu fahren.<\/p>\n<p>Eine der umstehenden Frauen hatte in der Zwischenzeit am Kiosk einige T\u00fcten mit S\u00fc\u00dfigkeiten gekauft und an die mitgekommenen Kinder verteilt. Die sa\u00dfen gl\u00fccklich an den Tischen des Museumscaf\u00e9s zwischen Cola und S\u00fc\u00dfkram und konnten ihr Gl\u00fcck kaum fassen. Dementsprechend war der kleine Junge der schwangeren Frau auch bitter entt\u00e4uscht, als er schon gleich wieder ins Auto gebracht und weg gefahren wurde. Er weinte j\u00e4mmerlich und Anne strich ihm \u00fcber den Kopf, fest entschlossen, ihm demn\u00e4chst etwas ganz besonderes zukommen zu lassen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Museum hatten einige der syrischen jungen M\u00e4nner bereits die Aktionsk\u00fcnstlerin gefunden und schauten ihr gespannt beim Malen zu. Anne zeigte ihnen stolz die ganze Sammlung bildender Kunst in den Ausstellungsr\u00e4umen und war erstaunt, wie viel diese Jungen \u00fcber Kunst wussten. Irgendwann musste sie dem Gedr\u00e4nge entfliehen und ging vor die T\u00fcr um eine Zigarette zu rauchen. Dort stellte sie fest, dass ihre neuen Freunde diese Idee sofort aufgriffen und gerne auch eine Kippe ansteckten. So standen sie in der Abendsonne vor dem Museum der kleinen Stadt, rauchten und redeten und Anne war auf einmal ganz gl\u00fccklich, hier mit ihnen zu sein. Es f\u00fchlte sich gut an.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg wollten alle noch schnell ein Foto zusammen machen. Die Albaner und Syrer wollten unbedingt die knubbelige Kunstfrau in die Mitte nehmen. Und so endete dieser Tag. Bei Sonnenschein und mit gl\u00fccklichen G\u00e4sten aus aller Welt. Und Anne und Martha waren stolz auf ihre kleine Stadt, die sonst so unscheinbar erschien und heute doch so sehr gestrahlt hatte.<\/p>\n<p>Die Notunterkunft in der Turnhalle hatte erst einmal alles, was f\u00fcr die neuangekommenen G\u00e4ste notwendig war. Monate sp\u00e4ter w\u00fcrde Anne sich wundern, wie generalstabsm\u00e4\u00dfig alles organisiert war, aber nun war es erst einmal die Improvisation der Idealisten. Das DRK hatte die Idee, am ersten Wochenende ein Willkommens Picknick zu veranstalten. Das Wetter war noch hervorragend und der Sportplatz eine gute Location, um alle zusammen zu bringen. Mittlerweile hatten sich \u00fcber einhundert Freiwillige aus Witten gemeldet, um zu helfen.<\/p>\n<p>Anne und Erik, ihr Mann, bereiteten einen Schokoladenkuchen vor und gingen am Sonntagnachmittag zu dem Picknick. Es war eine lange Tafel mit K\u00f6stlichkeiten und die Stimmung sehr entspannt. Auf Decken sa\u00dfen alle auf dem Rasen des Sportplatzes. Nat\u00fcrlich hatten sich auch die B\u00fcrgermeisterin und der Sozialdezernent eingefunden. Sie gingen brav von Decke zu Decke, um mit allen einen Smalltalk zu halten. Die Fl\u00fcchtlinge verstanden nicht so ganz, was hier los war, aber sie genossen den Sommersonntag mit gutem Essen und Basketballspielen.<\/p>\n<p>Martha und Anne hatten \u201eihre\u201c Sch\u00fctzlinge auf und um ihre Decke versammelt. Durch den Ausflug zum Museum und den Stadtrundgang war eine kleine Gruppe entstanden, die sich nun gerne herzlich umarmen und begr\u00fc\u00dfen lie\u00df. Der Sozialdezernent setzte sich zu ihnen und hatte eine Menge Ideen. Alle waren sich einig, dass Deutschkurse jetzt das Wichtigste seien. Er meinte, dass ja alle ihren Kindern irgendwie Deutsch beigebracht h\u00e4tten und das ja auch funktioniert h\u00e4tte. Daf\u00fcr brauche man zuerst mal keine besondere Qualifikation. Anne f\u00fchlte sich ermutigt und am n\u00e4chsten Tag startete sie ihre Deutschkurse.<\/p>\n<p>Sie suchte im Keller zwischen den Spielsachen ihrer Kinder und fand das Inventar des Kaufladens. Das w\u00e4re doch eine tolle Idee, um den Menschen zuerst einmal die Lebensmittel zu erkl\u00e4ren. Sie packte alles zusammen und machte sich am n\u00e4chsten Tag auf zur Turnhalle. Sie stellte in der Gymnastikhalle, die als Aufenthaltsraum umfunktioniert war, einige der Bierzeltgarnituren zusammen und breitete ihre Holzspielsachen auf dem Tisch aus. M\u00f6hren, \u00c4pfel, Flaschen Kuchen, Zwiebeln, Knoblauch, W\u00fcrstchen, Shampoo&#8230;. Eben alles, was man so im Kaufladen hatte.<\/p>\n<p>Zuerst kamen die Kinder. Sie waren ganz begeistert, fassten alles an und Anne wiederholte die Worte f\u00fcr die Sachen. Die Kinder lachten und Anne war schon jetzt begeistert. Dann kamen die Erwachsenen. F\u00fcr die war ihre Stunde ja gedacht. Nach und nach wurden es immer mehr und schlie\u00dflich sa\u00dfen bestimmt f\u00fcnfundzwanzig Menschen um sie herum. Sie nahm das Obst, dann das Gem\u00fcse, erkl\u00e4rte alles, wiederholte, brachte ihnen frisches und Dosengem\u00fcse bei, wiederholte. Die Menschen hatten kleine Schreibbl\u00f6cke aus einer Spende bekommen und saugten alles auf wie ein Schwamm.<\/p>\n<p>Besonders gut fand Anne, dass sich zwei der Dolmetscher mit an den Tisch setzten. Sie waren bereits seit mehreren Monaten in Deutschland, konnten leidlich Deutsch, und halfen nun bei der \u00dcbersetzung. Sie wollten auch noch mehr lernen. Sie h\u00e4tten nie so einen Deutschunterricht bekommen, sagten sie. Alles hatten sie sich selber beigebracht.<\/p>\n<p>Ein Ehepaar fiel ihr besonders auf. Der Mann war sehr verschlossen. Es blieb Anne unm\u00f6glich, ihm ein L\u00e4cheln zu entlocken. Dani hie\u00df er und seine Frau Nadia. Er war ein Arzt, ein sehr guter Neurologe. Im Sanit\u00e4tsraum der Turnhalle brachte er sich ein und zeigte seine F\u00e4higkeiten. Seine Frau war Pharmazeutin. Beide kamen aus sehr wohlhabenden Familien und hatten bisher nur die Sonnenseite des Lebens abbekommen. Das Leben in der Turnhalle war f\u00fcr sie eine Qual. Anne versuchte ihnen, die im Gegensatz zu vielen anderen hier gut Englisch sprachen, zu erkl\u00e4ren, dass es sich nur um eine \u00dcbergangszeit handelte. Dani blieb muffig. Nadia war eher zug\u00e4nglich. Sie kamen regelm\u00e4\u00dfig zum Deutschkurs, aber Dani war nicht zufrieden. Er wollte mehr lernen. An einem Tag brachte Anne ein Bilderbuch ihrer Kinder mit. \u201eDie kleine Raupe Nimmersatt.\u201c Vorher hatte sie diese Geschichte bestimmt tausend Mal ihren Kindern vorgelesen, aber erst jetzt erkannte sie, welche Grammatik und welcher Wortschatz in diesem einfachen Buch steckten. Sie erkl\u00e4rte Seite f\u00fcr Seite. Und dann hatte sie es geschafft: Dani l\u00e4chelte. Zwar nur kurz, aber sie hatte ihn erreicht. An diesem Abend fuhr Anne gl\u00fccklich nach Hause.<\/p>\n<p>Die Deutschkurse fanden sehr gro\u00dfen Anklang in der Turnhalle. Die meisten Fl\u00fcchtlinge waren gl\u00fccklich, dass sie etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anfangen konnten. Bald schon organisierte sich eine Gruppe Ehrenamtlicher, die ausschlie\u00dflich Deutschkurse gab. F\u00fcr Kinder vormittags, f\u00fcr die Erwachsenen aufgeteilt in einfaches Lernen und Fortgeschrittene. Jeden Tag gab es mehrere Angebote. Anne war gl\u00fccklich dar\u00fcber ein Teil dieses Angebotes zu sein und dass sie nicht mehr jeden Tag kommen musste. Das DRK organisierte sogar einen alten Bus, in dem der Unterricht abgehalten werden konnte. In der Halle war es einfach zu laut und niemand konnte sich hier konzentrieren. In dem Bus verstauten alle ihre Lehrmaterialien. Anne hatte zwei Kisten mit ihrem Spielzeug, aber auch eine Tafel kam von irgendwo her und Stifte und Hefte. In dem Bus war es dazu auch noch klimatisiert, was in diesem hei\u00dfen Sommer eine wahre Wohltat war. Vielleicht kamen einige der Fl\u00fcchtlinge nur wegen der k\u00fchlen Temperaturen in den Bus weil es drau\u00dfen und in der Halle teilweise unertr\u00e4glich hei\u00df war.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Mit der gro\u00dfen Welle der Fl\u00fcchtlinge war die Aufmerksamkeit bei den Menschen gestiegen. Viele wollten nun helfen, aber die, die schon vor einiger Zeit hier angekommen waren, wenige und fast unbemerkt, hatten nicht so viel Hilfe erfahren. Dennoch gaben sie nun alles, was ihnen m\u00f6glich war. Sie halfen mit ihrem gebrochenen Deutsch bei der Verst\u00e4ndigung, sie unterhielten sich mit allen \u00fcber ihre Erfahrungen und konnten erste Tipps geben, was helfen konnte. Diese \u201eersten\u201c Fl\u00fcchtlinge waren nicht neidisch. Vielleicht ein wenig traurig \u00fcber ihren eigenen schweren Weg. Aber nun waren sie mit Feuereifer selbst bei der Sache. Mit der Unterst\u00fctzung aus der Bev\u00f6lkerung wollten sie es alles besser machen und den Neuangekommenen die bitteren Erfahrungen ersparen, die sie selbst hatten machen m\u00fcssen. Die Solidarit\u00e4t wurde zum Antriebsmotor f\u00fcr alle. Sie alle, ob gerade frisch angekommene Schutzsuchende, bereits l\u00e4nger hier lebende Migranten oder freiwillige Helfer, sie alle unterst\u00fctzen sich wie aus einem Guss.<\/p>\n<p>Einer von ihnen war Guy. Er hatte arabische Wurzeln, war aber in Israel geboren. Mit seiner Familie war er vor f\u00fcnfzehn Jahren nach Deutschland gekommen. Was ihn auszeichnete f\u00fcr die Arbeit in der Halle, waren seine arabischen Sprachkenntnisse. Dass er auch perfekt Hebr\u00e4isch sprach, wollte er hier niemandem erz\u00e4hlen. Im Gymnasium hatte er den Deutsch Leistungskurs mit einem sehr gut abgeschlossen. Guy hatte f\u00fcr sich und seine Familie alles alleine regeln m\u00fcssen. Seine \u00fcber siebzig j\u00e4hrige Mutter musste bis heute alle drei Monate zum Ausl\u00e4nderamt um ihre Aufenthaltsgenehmigung verl\u00e4ngern zu lassen. Und dennoch war Guy hier voll in seinem Element. Nach einigen Wochen k\u00fcndigte er sogar seinen gut bezahlten und sicheren Job bei einer Krankenkasse und fing fest beim DRK an. F\u00fcr weniger Geld aber mit Herzblut war er bei der Sache.<\/p>\n<p>Anne genoss die Atmosph\u00e4re an der Turnhalle. Jeden Tag nach der Arbeit setzte sie sich auf ihr Fahrrad und radelte zu \u201eihren\u201c Fl\u00fcchtlingen. Martha hatte noch zu ihr gesagt, dass es gef\u00e4hrlich sei, ihr Herz zu verlieren. Aber es war bereits zu sp\u00e4t. Anne hatte ihr Herz verloren an die syrischen Studenten, das Ehepaar, die albanische Familie.<\/p>\n<p>An vielen Abenden dieses Sommers spielte ein DJ Musik. Es war wunderbar, denn die Musik machte alle locker. Sie tanzten und waren vergn\u00fcgt. Insgesamt erinnerte die Stimmung an ein Feriencamp. Nur f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge war es das bei weitem nicht. Die Helfer genossen die sommerliche Atmosph\u00e4re und die gute Laune. F\u00fcr die hier lebenden Menschen, war es eine notd\u00fcrftige \u00dcbergangsstation.<\/p>\n<p>In der darauf folgenden Woche hatte Martha die Idee zum Kulturkiosk zu gehen. Martha hatte immer einen Faible f\u00fcr Kultur und das wollte sie den G\u00e4sten auch mitgeben. Die kleine Stadt hatte so viel zu bieten. Und so marschierten sie an einem sch\u00f6nen Nahmittag mit einer kleinen Truppe durch die halbe Stadt, um die Kulturkiosk Initiative zu besuchen. Anne ging neben Saleh. Er war immer sofort der erste, der das Gespr\u00e4ch mit ihr suchte. Martha hielt an am Krankenhaus und erkl\u00e4rte, dass hier zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der zentrale Sammelplatz f\u00fcr die polnischen Gastarbeiter in der Kohle- und Stahlindustrie war. Saleh war verwundert. Warum nehmt ihr so viele Fl\u00fcchtlinge bei euch auf? Anne grinste und sagte, weil du gerade davon profitierst! Saleh wollte nicht nachgeben. Er schwafelte \u00fcber die Kurden, die den Syrern ihre Gebiete abnehmen wollten, von den Pal\u00e4stinensern und vielem mehr. Anne h\u00f6rte erst zu und holte dann tief Luft, um ihrem Unmut Luft zu schaffen. Sie erz\u00e4hlte ihm von der Situation Deutschlands nach f\u00fcnfundvierzig und dass alles so aussah wie im Moment in Syrien. Nie im Leben h\u00e4tten sie das alleine geschafft ohne die Hilfe der zahlreichen Gastarbeiter, Spanier, Italiener, Griechen und schlie\u00dflich den T\u00fcrken. Auch in der Zeit der Kohlehochzeit w\u00e4re ohne die polnischen Gastarbeiter gar nichts gegangen. Sie erz\u00e4hlte ihm, dem Fl\u00fcchtling, dass die neuen Menschen ein Geschenk an die Wirtschaft waren und Deutschland sehr geholfen h\u00e4tten. Und dann kam sie zu Pal\u00e4stina. Sie raunzte ihn an, dass der Hass zwischen den V\u00f6lkern nur von \u00d6l- und Geldbesessenen Politikern und Wirtschaftsm\u00e4chten gesch\u00fcrt w\u00fcrde. Sie erz\u00e4hlte ihm von der Notwendigkeit des Staates Israel nach dem Holocaust. Sie machte Saleh richtig zur Schnecke und warf ihm vor rassistisch zu sein. Und das h\u00e4tte in Deutschland keinen Platz. Hier w\u00fcrden sie alle versuchen friedlich miteinander zu leben. Als sie am Kulturkiosk ankamen nahm Saleh ein kleines Plastikarmband vom Gelenk. Er hatte es heute zusammen mit den Kindern geflochten. Er reichte ihr das Armband mit den Worten \u201eYou are the best\u201c und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Anne war v\u00f6llig verdutzt, aber dann l\u00e4chelte sie vor Erleichterung. Was hatte sie diesem gerade einmal einundzwanzig Jahre alten jungen Mann zugemutet an einem \u00a0seiner ersten Tage in Deutschland. Und er hatte zugeh\u00f6rt und ihr voller Vertrauen geglaubt. Anne hatte das Gef\u00fchl, eine Saat gelegt zu haben, aber gleichzeitig ahnte sie, dass hier noch sehr viel Arbeit bei vielen neu angekommenen Fl\u00fcchtlingen zu leisten war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer der Fl\u00fcchtlinge Die B\u00fcrgermeisterin bekam den Anruf der Bezirksregierung um 10 Uhr 58. In ihrem B\u00fcro in K\u00f6ln las Anne den Post auf facebook. Um acht Uhr Abends waren drei Busse mit einhundertf\u00fcnfzig Fl\u00fcchtlingen in Witten angekommen. Das DRK hatte in Windeseile eine Turnhalle hergerichtet. Am n\u00e4chsten Tag rief Annes Freundin an. 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